THE BOXX

Kunst – Musik – Hörbuch

LEVEL 8

Eight Miles High

Es ist stickig in dieser engen Kapsel. Überall blinken Leuchtdioden an Instrumenten und Messgeräten, von denen ich nichts verstehe. Muss ich auch nicht. Es läuft alles automatisch. Wir sollen uns keine Sorgen machen, haben sie gesagt. Wir können entspannen und genießen. 

»Auf euch warten zwei unvergessliche Wochen im Weltall. Wir wünschen einen angenehmen Flug«, das waren ihre letzten Worte, bevor sich die Luke der Raumkapsel schloss und wir 600 Kilometer ins Universum geschossen wurden.

Angenehm war der Flug nicht gerade. Vielmehr ruckelte und klapperte die Weltraumbüchse auf ihrem Weg ins All so laut, dass mir das Herz in die Hose rutschte. Ich hätte mit allem gerechnet, selbst mit einer gewaltigen Explosion. Bei Billigfluganbietern weiß man ja nie, die sparen immer am falschen Ende. Erstaunlich, dass diese windige Space-Airline überhaupt noch fliegen darf. Aber das war meinen Eltern egal. Sie wollten mir zu meinem 18. Geburtstag unbedingt eine Weltraumreise schenken. 

»Der Junge muss mal ins All. Der muss was fürs Leben lernen«, hatte mein Vater zu meiner Mutter gesagt. Und die ist sowieso seit dem ersten privaten Raumflug irgendwelcher reicher Spinner vor über 60 Jahren ein großer Fan des Weltraumtourismus. Die beiden haben mich sogar Elon genannt, nach dem Typen, der mittlerweile an die hunderttausend Satelliten in den Orbit geschickt hat. Seitdem hätten wir ganz fantastisches Space Web, schwärmt meine Mutter. Außerdem gäbe es jetzt viel mehr leuchtende Sterne am Himmel, das sei so romantisch. Ich finde hier oben gar nichts romantisch. Es ist heiß und es stinkt. 

Marla sieht das offenbar ganz anders als ich, aber besonders glücklich wirkt sie trotzdem nicht. Sie ist meine Reisepartnerin, die ich mir natürlich nicht aussuchen durfte. Reisebegleitungen werden zugeteilt, da kann man Glück haben oder eben Pech. Hätte ich die Wahl gehabt, wäre ich ins Eventboat gestiegen, mit den ganzen Freaks. Zwei Wochen flaky Kapselparty mit den Jungs und Mädels im Großraumschiff … Aber nein, meine Eltern haben die Zweierkapsel für mich gebucht. Ich soll ja was lernen. Mal ehrlich, ich frage mich, was das sein soll. Wie eine 78-Jährige mit ihrem Gefühlschaos kämpft? Wie man es zwei Wochen mit einer sentimentalen, alten Frau in einer winzigen Raumkapsel aushält? Ist es das, was meine Eltern Bildung nennen? 

Wie jeden verdammten Tag sitzt Marla vor dem Bullauge und schaut in die Weiten des Universums. Stundenlang kann sie das. Dabei murmelt sie wie üblich ihr »Das darf nicht sein«, wahlweise ein »Wir hätten es niemals so weit kommen lassen dürfen« oder ein knappes »Unfassbar«. Keine Ahnung, was sie wieder hat. Doch heute will ich mal nett sein. Ich lege sogar meine Xbox Motile zur Seite, obwohl ich gerade dabei war, meinen Highscore bei Space Invaders Reloaded zu knacken. 

»Marla, was ist denn mit dir?«, frage ich meine betagte Kapselgenossin. »Seit wir unser Reiseziel erreicht haben, bist du mies drauf. Was ist da draußen so Weltbewegendes?«

Langsam dreht sich Marla zu mir um. Es scheint ihr schwer zu fallen, ihren Blick von der Dunkelheit des Universums abzuwenden und nun auf mich zu richten. Sie sieht nicht gut aus, dunkle Augenringe lassen ihr Gesicht noch älter aussehen als vor unserem Abflug. 

»Bist du krank?« So langsam mache ich mir doch Sorgen. Ich will mich ja nicht anstecken. Als wir ins All starteten, breitete sich gerade eine neue Pandemie in unserer Gegend aus. Die Behörden versicherten zwar, sie hätten alles im Griff, aber vielleicht hat sich Marla ja leichtsinnig verhalten. Wer weiß das schon. 

»Elon, die Welt geht vor die Hunde«, sagt sie nur und schaut mich dabei aus müden Augen an. 

»Was redest du da?«, entgegne ich. »Es geht uns doch gut. Wir haben cracking Space Web. Wir reisen ins Weltall …« Und um noch etwas Erfreuliches hinzuzufügen, das anscheinend gerade älteren Frauen besonders gefällt: »Und wir haben jetzt auch mehr Sterne am Himmel. Das ist romantisch!« 

»Ach, Elon, wer hat dir denn so einen Irrsinn beigebracht? Schau dir doch mal die Erde an. Komm, schau mal aus dem Fenster!« 

Ich blicke durchs Bullauge auf unseren braun-grauen Planeten unter uns. Nichts Neues. Habe ich schon hundertmal im Space Web gesehen. 

»Ja, und?«, frage ich herausfordernd.

»Beeindruckt dich dieser Anblick denn gar nicht?«, will Marla wissen. »Der Mensch ist so unfassbar klein und unwichtig im Vergleich zur Erde. Und wir sind seit Jahrzehnten … ach was … seit über einem Jahrhundert dabei, sie systematisch zu zerstören. Das Wasser steht uns bis zum Hals. Ganze Inseln und Küstenstreifen sind verschwunden. Die Temperaturen steigen rasant. Hochwasser, Flutwellen, Hitze, Dürre, Waldbrände, Sturm und Unwetter. Die Menschen flüchten, weil sie in ihrer Heimat nicht länger leben können. Die Tiere sterben, die Leute verhungern …« 

»Jetzt machst du aber schlechte Stimmung hier an Board«, ereifere ich mich. »Das haben die Behörden doch alles im Griff. Liest du keine News? Es geht bergauf. Die Politik weiß schon, was sie tut. Die Wirtschaft gibt ihr Bestes. Du musst mal ein bisschen Vertrauen haben.« 

»Mensch, Junge, wer hat dich eigentlich so verkorkst?« Marla schüttelt den Kopf. Und dann legt sie los: »Ich möchte mich aufrichtig bei dir und deiner ganzen Generation entschuldigen. Wir hätten viel früher reagieren sollen …«

  »Double fire«, sage ich. »Double fire reicht in der neuen Reloaded Version einfach nicht aus, um die Aliens zu killen. Space Invaders ist so moldy …«

Doch Marla lässt sich nicht ignorieren: »Ach, was rede ich, meine Eltern … meine Großeltern hätten damals schon konsequent handeln müssen. Jetzt ist es zu spät. Es tut mir sehr leid …« 

Glücklicherweise ertönt in diesem Augenblick der Boardalarm. Wir müssen uns schleunigst ins Cockpit setzen und anschnallen. Wahrscheinlich fliegen wieder irgendwelche Schrottteile auf uns zu, denen die Kapsel ausweichen muss. Ein Hoch auf den Weltraummüll, der mich davor rettet, mir noch länger Marlas moralisches Gequatsche anhören zu müssen. 

Am achten Tag unserer weltumschiffenden Reise steht das Highlight der bisher äußerst langweiligen Spacetour auf dem Programm. „Schweben im Orbit“ nennt sich unser heutiger voll automatisierter Kurztrip. 

Von der Kommandozentrale erhalten wir noch ein paar Anweisungen, wie wir uns in die Raumanzüge zu zwängen haben, um dann für eine Stunde draußen durchs All zu schwirren. Angekettet an die Kapsel, versteht sich. Ich fühle mich wie ein Hund. Aber meinen Eltern zuliebe mache ich auch diesen Blödsinn mit. Ich soll ja irgendwas lernen. 

Zugegeben, es erfordert schon ein wenig Mut, an der geöffneten Luke der Kapsel zu stehen und ins dunkle Nichts zu treten. Es war ein ganz schönes Hin und Her, bis wir die Tür zum Spaceroom, wie die Schleuse zwischen Kapsel und Orbit genannt wird, luftdicht geschlossen hatten. Marla hat es schließlich hinbekommen. Und dann sind wir hinausgeschwebt. Erst Marla, dann ich. 

Die Schwerelosigkeit kennen wir ja nun schon zur Genüge aus der Kapsel, aber das hier ist anders. Das hier ist … atemberaubend. 

Ich weiß nicht warum, aber ohne den Schutz der Kapselwand, die mich wie ein gepanzerter Kokon umschlossen hat, fühle ich mich plötzlich viel verletzlicher. Angreifbarer. 

Während Marla neben mir vergnügt Purzelbäume schlägt – was ist mit der Frau bloß los, warum der Stimmungswandel? –, werde ich immer nachdenklicher. Ich schaue hinunter auf die Erde und frage mich, ob Marla vielleicht doch recht hat. Vielleicht hat es einen Grund, warum die Welt inzwischen grau und nicht mehr blau ist. Vielleicht kann ich besser verdrängen, als ich dachte. Vielleicht ist der Mensch zwar winzig klein, aber trotzdem das gefährlichste und dümmste Raubtier der Welt. Vielleicht haben meine Eltern recht damit, dass ich hier oben im Orbit etwas lernen kann, nur eben nicht das, was sie sich erhofft hatten. 

Und dann knirscht und knackt es unerwartet in unserem Headset im Helm. Die Kommandozentrale versucht durchzukommen. Wahrscheinlich funkt wieder einer dieser Sonnenstürme dazwischen. Die kosmische Strahlung legt ja gerne alles lahm. 

»… Zurück! … Schrott auf euch zu! …«, brüllt der diensthabende Offizier der Spaceairline. 

Marla dreht sich zu mir um, schaut mir in die Augen. 

Der eigentliche Space Invader ist doch der Mensch, denke ich noch und winke Marla zu, als uns ein Gebilde aus kalt glänzendem Stahl in voller Fahrt erwischt.


Hello

Hello future, hello past
Let’s feel the worst raise your glass
Active traffic is welcoming us
Astro garbage is like one of us

Hello? Hello.

Get on board
The countdown is on
Get on board
Hop on, hop on

Heavy is our head
Feels like stoned in space
Heavy is our heart
Permission to shout in grace


Made by

Song: beatbar
Songwriting: Stef Awramoff
Mix & Mastering: Eric Limberg

Text: Katja Merx
Sprecherin: Katja Merx

Collage: Stefan Heuer

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